BOKENKRIEG

Kurz nach der Zeit der französischen Besetzung (Helvetische Republik 1798 bis 1803) durch Napoleon in der Schweiz brach in Horgen der zweitletzte Bürgerkrieg aus. Es war zwar eher ein Aufstand als ein Krieg, oder noch besser gesagt: ein Scharmüzel.

 

Unzufriedenheit löste u.A. die von Napoleon verfasste Medationsverfassung aus.

Die  Regionen vor der Stadt Zürich, die durch das zürcher Fraumünsterkloster verwaltet wurde, war nicht einverstanden mit den Steuerabgaben der ländlichen Bevölkerung. Einige Fabrikanten  erreichten dank der florierenden Textilwirtschaft in den Seegemeinden einen höheren Wohlstand und es bildete sich eine kulturelle und politische Oberschicht in Form von Theater- Musik- und Lesevereinen.

Diese Oberschicht dachte über politisch und wirtschaftlich Nachteile über die gegenüber der Stadtbevölkerung benachteiligte Region der Seegemeinden nach und verfasste ein Bittschrift an die zürcher Obrigkeit. Das war der s.G. Stäfner Handel. Das Gedankengut der französischen Revolution floss natürlich in diese Bittschrift mit ein.

Es ging darum, aufgehobene Rechte, die jedoch schriftlich abgemacht wurden, wieder zu erlangen.

Die waren u.A. die Waldmannschen Spruchbriefe von 1489 und den Kappeler Briefen von 1532 die eben bestimmte Freiheiten regelten die aber nicht mehr angewandt werden konnten.

Verfasser dieser Bittschrift waren der Ofenbauer Heinrich Nehracher, der Wundarzt Johann Kaspar Pfenninger, der Bäcker Heinrich Ryffel und der Chirurg Andreas Staub. Alles wurde im Geheimen abgesprochen und verfasst. Trotzdem bekam das die zürcher Regierung mit und Pfenninger sowie Ryffel und andere wurden verhaftet und bekamen als Strafe Landesverweise. Andere bekamen Geld, Pranger- und Ehrenstrafen.

Weitere Folgen war ein Verbot der Musik- und Lesegesellschaften. Somit wollte die Stadt Zürich die  ländliche Konkurrenz ausschalten.

Die Unzufriedenheit der Bevölkerung an den zürcher Seegemeinden Horgen und Wädenswil sowie Affoltern a.A. und Gemeinden des rechten Seeufers wurde immer grösser und die Befreiung der Abgabe des Zehnten (Steuern) der Stadtbevölkerung war mit ein Grund, warum sich die Situation verschärfte. Das Fraumünsterkloster kam der Forderung der Landbevölkerung nicht nach und so bildeten sich Gruppierungen, die militärisch gegen die Obrigkeit das Problem lösen wollte.

Hans Jakob Willi war ein  horgener Schuhmacher der sich Kriegserfahrungen aus ausländischen Kriegen als Söldner (Reisläufer) in Spanien,Frankreich und Italien aneignete. Er wurde der Anführer einer etwa 500 Mann fassenden Armee. Weitere Anführer waren der Bauer und Weibel Heinrich Häberling von Knonau, Jakob Kleinert von Schönenberg und Jakob Schneebeli, Färber, vormals Bezirksgerichtspräsident von Affoltern.

Als erster kriegerischer Akt wurde das Wädenswiler Abteischloss am 24.03.1804 in Brand gesetzt. Ebenso wurden etwa 40 Mann nach Affoltern geschickt, um Obrige Offiziere daran zu hindern, junge Männer zu rekrutieren. Drei Offiziere konnten festgehalten werden, aber anrückende Dragoner befreiten diese wieder in einer Auseinandersetzung mit todesfolge.

Als Gegenmassnahme forderte die Stadt Zürich eidgenössische Truppen an. Etwa 1000 Mann unter der Führung von Oberst Jakob Ziegler beschossen am 28.03.1804 das Zentrum von Horgen mit Kriegsschiffen vom Zürichsee aus. Freiburger- Berner- und Aargauer Soldaten plünderten Horgen, richteten Saufgelage ein und massakrierten 3 Männer und eine Frau.

Weiter fanden Gefechte in Oberrieden, Wädenswil und der horgener Hanegg statt. Ziegler musste sich mit seinen Truppen in das Wirtshaus zur Bocken zurückziehen, wobei sie von Willi und seine Truppen angegriffen wurden. Dieser verletzte sich bei diesem Angriff durch einen Schuss in seinen Oberschenkel, aber trotzdem mussten sich die eidgenössischen Truppen zurückziehen. Die Rebellen verfolgten die richtung Zürich flüchtenden Truppen nicht und die Auseinandersetzung wurde von den Horgener als Sieg gefeiert. Ein politischer Nutzen konnte dadurch aber nicht erzielt werden. Willi versteckte sich daraufhin 7 Tage in einer Scheune in Stäfa, wurde aber verraten.

Willi wurde sodann gefasst und und am 25. April 1804 nach einem verfassungswidrigem Urteil eines  Kriegsgericht in Zürich trotz Napoleons Intervention enthauptet. Ebenso die Anführer Häberlin, Kleinert und Schneebeli wurden hingerichtet.

Als Folge konnten sich die Landgemeinden am Zürichsee durch hohe Gebühren freikaufen vom Fraumünster.Die beteiligten Gemeinden mussten zudem hohe Geldstrafen bezahlen.

Erst als im Jahre 1830 durch den Ustertag gerechtere Verhältnisse zwischen Stadt und Land geschaffen wurde, beruhigte sich die politische Situation. Im Jahre 1875 wurden Willi und seine drei Anführer Exhumiert und unter grosser Anteilnahme des Volkes als Held begraben. So wurde der Horgener Willi vom Staatsfeind Nr. 1 zum Volksheld!

Heute leben der Horgener Schwan und der Zürcher Löwe friedlich nebeneinander.

Weitere Informationen:

https://www.youtube.com/watch?v=GqR9eVEUQjA

https://archive.org/details/bub_gb_qB5CAAAAcAAJ

http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/geschichte/Willi-Staatsfeind-Nummer-eins/story/22973429

https://de.wikipedia.org/wiki/Bockenkrieg

https://www.nzz.ch/zuerich/maertyrer-mit-mistgabeln-1.18517075

http://www.horgen.ch/de/kulturfreizeit/kultur/museen/ortsmuseumsust/ausstellung/welcome.php?action=showinfo&info_id=3708

Bericht Guido, HB9TPT 28. März  2017

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