FUNKEN IST WIE FISCHEN

Auch im Zeitalter von SMS und Twitter ist der Amateurfunk nicht passé. In der Schweiz betreiben rund 5000, weltweit 5 Mio. Menschen eine Funkanlage. Sie brauchen eine Konzession, für die das Bestehen einer anspruchsvollen Prüfung vonnöten ist – in der Schweiz nimmt sie das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) ab. Jeder Amateurfunker
hat sein eigenes Rufzeichen. HB steht für Schweiz; folgt eine 9, handelt es sich um einen
lizenzierten Funker, der alle Amateurbänder benutzen kann. Eine 3 nach HB steht für einen Novizen und eine 4 für militärische Amateurfunkanlagen.

Funken ist wie fischen» Physik – dieses eine Wort lässt manchen zusammenzucken.

Weckt es doch verdrängte Erinnerungen an Schulstunden mit Wandtafeln voller hieroglyphischer Formeln. «Physik ist für viele Leute ein Buch mit sieben Siegeln», stellt auch der 52-jährige Guido Fröhli fest. Der Horgnerhat indes eine gänzlich gegenteilige Beziehung zur Wissenschaft der unbelebten Materie. Es ist die pure Begeisterung, die ihn dazu antreibt, sich mit der Physik in all ihren Teilgebieten zu befassen. Und mit ihm teilen eine Menge weiterer Menschen diese Passion. Vier von ihnen haben im vergangenen Juni den Verein «HB9QQ, Physik verstehen» gegründet, zu dessen aktiven Mitgliedern
seit Beginn dieses Jahres auch Fröhli zählt. Bedeutungsvoll ist für ihn vor allem der zweite
Teil des Vereinsnamens: «Physik verstehen». Denn sein Ziel ist: Physikalische Vorgänge, die «uns überall im Alltag umgeben», jedermann zu erklären. Hommage an Funkerlegende Bewerkstelligt werden soll dies durch allgemein verständliche
Texte zu diversen Phänomenen. Etwa warum der Schnee weiss ist. Wie ein Saiteninstrument funktioniert und wie ein Verbrennungsmotor. Nachzulesen sind
die Erklärungen auf der Internetseite des Vereins. Gesucht seien nebst wissbegierigen Lesern auch Mitglieder, die Beiträge schreiben. «Wir organisieren aber auch Ausflüge, so im Juni ins Paul-Scherrer-Institut nach Villigen », sagt Fröhli. Interessierte
seien willkommen, wie auch zu Anlässen, die mit dem ersten Teil des Vereinsnamens zu tun haben. Dieser, die zungenbrecherische Kombination von Buchstaben und Ziffer, ist für Eingeweihte ebenfalls voller Bedeutung. Es handelt sich dabei um ein Rufzeichen
des internationalen Radioamateurfunks. Und nicht um irgendeines: «Es war dasjenige des
2012 verstorbenen Pierre Pasteur », erklärt der Horgner, «er war ein legendärer Schweizer
Amateurfunker, eine Koryphäe». Zudem Autor des Buches «Funkverfahren und Betriebstechnik» – der Bibel der Radioamateure schlechthin. Fröhli greift zu dem
Band mit Erscheinungsjahr 1982. Ehrfurchtsvoll durchblättert er die Seiten, die voll sind von technischen Beschreibungen und Anleitungen. «Für einen Laien ist das alles natürlich unverständlich. » Da die meisten Mitglieder Funker seien und dieses Hobby viel mit Physik zu tun habe, sei es naheliegend gewesen, den Verein im Gedenken an Pasteur zu benennen. Als HB9QQ versteht sich ein echter Funker, der sich mit seinem Rufzeichen und erst inzweiter Linie mit seinem Taufnamen identifiziert. Der Aufbau der Buchstaben- und Zahlenfolge funktioniert nach festen Regeln (siehe Kasten).

Aus Fröhli, der als Motorradmechaniker arbeitet, ist eher zufällig ein Funker geworden. 1999 erwarb er einen Weltbandempfänger. Ein Jahr später funkte es buchstäblich bei ihm. «Ich wollte selber senden können und habe mir deshalb einen CB-Funk gekauft.
» Diese Geräte können konzessions- und prüfungsfrei betrieben werden und erlauben das
Funken kurzer Mitteilungen – vergleichbar als Urform des Twitterns. Bald ging Fröhli weiter und begann als lizenzierter Radioamateur. Das allein genügte ihm nicht, und so brachte er sich ab 2007 das Morsen bei. Denn «der reine Sprechfunk ist keine Herausforderung.» Lange habe es gedauert, bis er zum ersten Mal ein Morsezeichen verstandenhabe. Ungeahnt emotionale Seiten Heute schwärmt er über die meditativen Klangrhythmen des Morsens und darüber, dass es alle Sorgen vergessen lasse. Ob das
Signal empfangen und beantwortet wird, das wisse man indes nicht. Man könne sich den Gesprächspartnerauch nicht aussuchen. «So betrachtet, ist Funken vergleichbar mit Fischen», sagt er. Entsprechend sei das Zustandekommen einer Verbindung
umso schöner. Da zeigen sich plötzlich ungeahnt emotionale Seiten der Physik – und wie facettenreich das Fach tatsächlich ist.

Artikel der Zürichseezeitung hier.

Guido, HB9TPT 10. März  2017

Melden Sie sich zu diesem Thema und registrieren Sie sich hier, wir freuen uns auf eine rege Diskussion.